
Liebe Leser:innen,
neulich saß ich mit alten Freund:innen zusammen. Eigentlich ein schöner Anlass, doch ich fühlte mich wie gefangen. Ich spürte, dass mich ein Thema sehr beschäftigt – ein politisches Thema, zu dem ich eine klare Meinung habe. Aber ich sagte nichts. Stattdessen nickte ich, lächelte, und sprach über Belangloses.
Warum? Weil ich Angst hatte, abgelehnt zu werden. Nicht verstanden zu werden. Vielleicht sogar jemanden vor den Kopf zu stoßen.
Dabei weiß ich: Wenn ich mich zeige, wenn ich sage, was mich wirklich bewegt, gebe ich den anderen die Chance, mich wirklich kennenzulernen. Nicht die Version von mir, die möglichst unauffällig ist, sondern die echte.
Was genau ist die Kommunikationsbiografie?
Stell Dir vor, jede Lebengeschichte ist auch eine Kommunikationsgeschichte. Alles, was Du jemals erlebt hast, in dem Worte geflossen sind (oder fehlten) - jedes Gespräch, jede Situation, in der wir gehört oder übergangen wurden, wo wir Kraft bekamen oder angezweifelt wurden, hat Spuren hinterlassen. Der Sprechwissenschaftler Hellmut Geißner nennt diese Spuren "Kommunikationsnarben".
Eine Narbe entsteht, wenn eine Wunder geheilt ist. Sie ist da, stabil, aber man spürt sie vielleicht noch, wenn das Wetter umschlägt. Genauso verhält es sich mit unseren kommunikativen Mustern: Sie sind geprägt durch unsere Erfahrungen in der Schule, im Elternhaus, in ersten Jobs, durch Autoritätspersonen und durch Momente, in denen wir gelernt haben: "Wenn ich laut werde, werde ich nicht ernst genommen" oder "Wenn ich ruhig bleibe, bin ich sicher".

Wir alle stehen täglich vor Situationen, in denen unsere Kommunikationsbiografie "mitredet".
- Wenn Du im Meeting zittrig wirst, obwohl Du gut vorbereitet bist - das ist keine Techniklücke, das ist oft ein altes Gefühl von "ich darf hier nicht sprechen".
- Wenn Du sofort rechtfertigst, bevor jemand überhaupt kritisiert hat. Vielleicht ein Reflex aus Deiner Vergangenheit, in der Fehler bestraft wurden.
- Wenn Du andere ständig "retten" willst und elbst nie Nein sagen kannst. Möglicherweise eine Strategie, die Du entwickelt hast, um geliebt zu werden.
Unsere Kommunikationsbiografie ist also gewissermaßen unsicher unsichtbares Fundament in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie trägt uns, bestimmt mit, ob wir defensiv oder offen, dominatn oder zurückhaltend auftreten. Wir können sie nicht nur als Prägung, sondern auch als Ausgangspunkt dafür verstehen, wer wir als Sprechende sein wollen.
Ein kleiner Moment der Selbsterkundung
Die folgenden Fragen können helfen, Dein Fundament ein wenig besser zu sehen. Nimm Dir dafür zwei Minuten Zeit. Es gibt keine richtigen und falschen Antworten. Es geht nur darum, die ersten Stellen zu finden, die Du heute bewusst pflegen möchtest. Um von dort aus in Zukunft vielleicht nicht mehr ad hoc zu reagieren, sondern bewusst mal was anderes zu versuchen.

Mini-Übung: Die Narben massieren.
Möchtest Du das direkt testen? Hier ist eine kleine Achtsamkeits-Übung, die Du gleich morgen im nächsten Gespräch versuchen kannst, statt die alten Muster zu ignorieren oder zu bekämpfen.
1. Den Körper spüren: Wann immer Du in ein Gespräch eintauchst, nimm für drei Sekunden war: Ist Deine Schulter angespannt? Hältst Du den Atem kurz an? Suchst Du den Blickkontakt oder schaust Du eher woanders hin? Das ist der Punkt, an dem die Narbe liegt.
2. Benennen und Pflegen: Sag innerlich freundlich: "Ah da kommt gerade mein altes Muster. Ich spüre den Druch, alles recht machen zu müssen". Stell Dir vor, Du legst eine warme Hand auf diese Stelle. Einem leichten Anspannungsschmerz einfach Beachtung schenkend, ohne ihn wegzudrücken. 3. Die kleine Pause: Mach bewusst einen Moment lang nichts. Atme einmal tief durch und entscheide erst dann, wie Du reagieren willst. Nich automatisch, sondern bewusst.
Diese kleine Unterbrechung des Automatismus ist wie das Eincremen einer steifen Narbe: Sie macht sie wieder geschmeidig. Es ist der erste Schritt hin zu mehr Wahlmöglichkeit. Und eine neue Seite Deiner Kommunikationsbiografie.
In diesem Sinne: Auf zur nächsten Entdeckung.
Herzliche Grüße
Anni
