
Liebe Leser:innen,
im letzten Newsletter haben wir gemeinsam die Rede-Pyramide betrachtet. Drei Seiten: Die äußere Form (Stimme, Körper), den Inhalt (Struktur, Argumente) und die Persönlichkeit (die innere Haltung).
Unsere innere Haltung und kommunikativen Muster sitzen tief. Oft tiefer als uns bewusst ist. Warum reagiere ich auf Kritik sofort defensiv? Warum fällt mir das Nein-Sagen im Meeting schwerer als im privaten Freund:innenkreis? Und warum wirken manche Menschen automatisch kompetent, während andere trotz gleicher Inhalte kaum gehört werden?
Die Antwort liegt nicht nur in unserer aktuellen Strategie oder unserem Charisma. Sie liegt auch in unserer Geschichte. In meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich intensiv mit diesem Fundament: der Kommunikationsbiografie.
Was genau ist die Kommunikationsbiografie?
Stell Dir vor, jede Lebengeschichte ist auch eine Kommunikationsgeschichte. Alles, was Du jemals erlebt hast, in dem Worte geflossen sind (oder fehlten) - jedes Gespräch, jede Situation, in der wir gehört oder übergangen wurden, wo wir Kraft bekamen oder angezweifelt wurden, hat Spuren hinterlassen. Der Sprechwissenschaftler Hellmut Geißner nennt diese Spuren "Kommunikationsnarben".
Eine Narbe entsteht, wenn eine Wunder geheilt ist. Sie ist da, stabil, aber man spürt sie vielleicht noch, wenn das Wetter umschlägt. Genauso verhält es sich mit unseren kommunikativen Mustern: Sie sind geprägt durch unsere Erfahrungen in der Schule, im Elternhaus, in ersten Jobs, durch Autoritätspersonen und durch Momente, in denen wir gelernt haben: "Wenn ich laut werde, werde ich nicht ernst genommen" oder "Wenn ich ruhig bleibe, bin ich sicher".

Wir alle stehen täglich vor Situationen, in denen unsere Kommunikationsbiografie "mitredet".
- Wenn Du im Meeting zittrig wirst, obwohl Du gut vorbereitet bist - das ist keine Techniklücke, das ist oft ein altes Gefühl von "ich darf hier nicht sprechen".
- Wenn Du sofort rechtfertigst, bevor jemand überhaupt kritisiert hat. Vielleicht ein Reflex aus Deiner Vergangenheit, in der Fehler bestraft wurden.
- Wenn Du andere ständig "retten" willst und elbst nie Nein sagen kannst. Möglicherweise eine Strategie, die Du entwickelt hast, um geliebt zu werden.
Unsere Kommunikationsbiografie ist also gewissermaßen unsicher unsichtbares Fundament in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie trägt uns, bestimmt mit, ob wir defensiv oder offen, dominatn oder zurückhaltend auftreten. Wir können sie nicht nur als Prägung, sondern auch als Ausgangspunkt dafür verstehen, wer wir als Sprechende sein wollen.
Ein kleiner Moment der Selbsterkundung
Die folgenden Fragen können helfen, Dein Fundament ein wenig besser zu sehen. Nimm Dir dafür zwei Minuten Zeit. Es gibt keine richtigen und falschen Antworten. Es geht nur darum, die ersten Stellen zu finden, die Du heute bewusst pflegen möchtest. Um von dort aus in Zukunft vielleicht nicht mehr ad hoc zu reagieren, sondern bewusst mal was anderes zu versuchen.


